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AUS MAIN-ECHO
Treffen. Literatur: Holger Paetz’ »Der Hausverlasser«
ASCHAFFENBURG. Der italienische Psychiater Cesare Lombroso (1835 bis 1909) meinte um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Formel gefunden zu haben, um den Charakter eines Menschen sofort zu erkennen: Der erste Eindruck entscheidet – und so wie einer ausschaut, so ist er auch im richtigen Leben, meinte Lombroso. So ein langaufgeschossener, mürrisch blickender Schlaks zum Beispiel: lässt andere zu gerne spüren, dass die Welt vor langer Zeit vor die Hunde gegangen ist – und haut dann gerne des Nachts im Treppenhaus die Tür mit Schmackes zu, auf dass auch jeder zu seinem persönlichen Alptraum auch noch den realen Schrecken einfängt. »Hausverlasser« nennt Holger Paetz diesen Typ Mensch in einem Gedicht, das seinem neuen Lyrikband den Titel gegeben hat – eben jener Schlaks unter den Kabarettisten, der mit mürrischem Blick und wohlfeilen Worten von der Bühne herab erklärt, wo der Hund begraben liegt, der Schuld an diesem Weltenlauf hat. Das Menschenbild Lombrosos – dieses dicklich-kleinen Mannes mit dem fiesen Brillenblick – erwies sich schnell als unhaltbar, gleichwohl die Nazis für ihre Rassenideologie dafür entflammt wa
ren – was ja ein weiterer Beweis für die blödsinnigen Behauptungen Lombrosos sein muss. Wer hager daher kommt, muss ja nicht zwingend ein Asket sein: Holger Paetz zum Beispiel ist ein Gourmet der Sprache, der voller Wollust Gedanken zu Sätzen kreiert undWortennieodergarnichtgern gehörte Bedeutungen gibt.
»Wie kann man stolz auf etwas sein, in das man reingeboren ist? Die Frage wird ihn nicht erfreun. Da ahnt er gleich die böse List«
schreibt Paetz über den »Patriot«, was jeden Selbsternannten dieser Gattung Mensch dann doch eher sprachlos werden lassen dürfte. Aber darum geht es ja auch in den Gedichten des Holger Paetz: Das Wort muss eine Faust sein. Zuschlagen. Treffen. Hat Konstantin Wecker schon vor 40 Jahren behauptet. Denn entscheidend ist nicht, wie ein Mensch aussieht – sondern wofür er einsteht. Und da erschreckt Holger Paetz seine Mitmenschen nicht, er rüttelt sie auf.